Läsefuul

Die Bibliothek der verlorenen Wörter

Kategorie: Wissen Lesestufe: Stufe 6 Lesezeit: 5 min

Milo liebte die kleine Bibliothek am Dorfplatz. Sie roch nach Papier, Holz und ein bisschen nach Staub.

Für Milo war das der beste Geruch der Welt. Jeden Freitag durfte er sich ein Buch ausleihen.

Doch an diesem Freitag war etwas anders. Frau Sommer, die Bibliothekarin, stand vor einem offenen Buch und sah sehr besorgt aus.

„Guten Tag“, sagte Milo. „Ist etwas passiert?“

Frau Sommer drehte das Buch zu ihm. Auf der Seite standen nur noch halbe Sätze. Einige Wörter fehlten einfach.

Milo las laut:
„Der Drache flog über den ... und suchte seinen ...“

„Berg? Schatz? Freund?“, fragte Milo.

Frau Sommer nickte ernst. „Genau das ist das Problem. Niemand weiss es mehr.“

Sie zeigte auf ein zweites Buch. Auch dort fehlten Wörter. Dann auf ein drittes.

„Seit heute Morgen verschwinden sie.“

Milo spürte ein Kribbeln im Bauch. Das war kein normales Problem. Das war ein Rätsel.

Er ging zwischen den Regalen entlang. Auf dem Boden entdeckte er kleine schwarze Punkte. Sie sahen aus wie Tinte.

Die Spur führte bis zur Sachbuchabteilung. Dort raschelte etwas.

Milo zog vorsichtig ein grosses Lexikon aus dem Regal. Dahinter sass ein winziges Wesen.

Es hatte tintenschwarze Finger und eine Jacke aus alten Buchseiten.

„Bitte nicht schimpfen“, piepste es.

Milo blinzelte. „Wer bist du?“

„Ich bin ein Wortwichtel“, sagte das Wesen. „Ich sammle Wörter, die niemand mehr benutzt.“

Frau Sommer kam dazu.

„Aber du kannst doch nicht einfach Wörter aus Büchern nehmen.“

Der Wortwichtel schaute traurig auf seine Schuhe.

„Ich wollte sie retten.“

Milo dachte nach. Dann hatte er eine Idee.

„Wir schreiben die seltenen Wörter in ein eigenes Heft. Dann gehen sie nicht verloren.“

Der Wortwichtel hob den Kopf.

„Ein Wörter-Retter-Heft?“

„Genau“, sagte Milo.

Gemeinsam brachten sie die Wörter zurück in die Bücher.

Danach legte Frau Sommer ein neues Heft auf den Tisch. Auf die erste Seite schrieb Milo den Titel:

Wörter, die bleiben sollen

Der Wortwichtel lächelte.

Und von diesem Tag an verschwanden keine Wörter mehr. Manche wurden sogar neu entdeckt.

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