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Omas leerer Balkon

Kategorie: Familie Lesestufe: Stufe 5 Lesezeit: 6 min

Nach dem Umzug der Grossmutter wirkt ihr neuer Balkon kahl. Die Familie findet eine Lösung, die zu ihrem neuen Zuhause passt.

Seit Oma Ruth in die neue Wohnung gezogen ist, sagt sie bei jedem Besuch denselben Satz: „Es ist schön hier. Nur der Balkon ist noch kein richtiger Balkon.“

Früher hatte sie einen grossen Garten. Dort standen Johannisbeersträucher, Kräuter, Rosen und ein alter Apfelbaum. In der neuen Wohnung gibt es nur einen schmalen Balkon mit grauem Boden und einem Metallgeländer.

Am Samstag beschliesst die Familie, etwas zu ändern.

„Wir kaufen einfach ganz viele Pflanzen“, sagt Ben.

Oma Ruth lacht. „Und wer trägt mir dann jeden Sack Erde in den dritten Stock?“

Also machen sie zuerst einen Plan.

Mira misst den Balkon aus. Papa prüft, wie viel Sonne am Nachmittag dorthin kommt. Oma überlegt, was ihr wirklich wichtig ist.

„Petersilie“, sagt sie. „Und etwas, das blüht. Und Erdbeeren wären schön.“

Sie fahren gemeinsam in eine Gärtnerei. Dort erklärt eine Mitarbeiterin, dass grosse Töpfe weniger schnell austrocknen als kleine. Für das Geländer wählen sie stabile Kästen, die sicher befestigt werden können. Statt zehn verschiedene Pflanzen mitzunehmen, entscheiden sie sich für wenige, die zum sonnigen Balkon passen.

Ben findet ausserdem eine kleine Holzkiste. „Für Werkzeug!“

Zu Hause pflanzen sie gemeinsam. Oma füllt Erde in die Töpfe, Mira setzt Erdbeeren ein, und Ben steckt kleine Schilder dazu. Auf eines schreibt er Erdberen.

„Da fehlt ein e“, sagt Mira.

„Die wachsen trotzdem“, antwortet Oma.

Am Abend stehen drei grosse Töpfe und zwei Kästen auf dem Balkon. Es ist noch kein Garten. Zwischen den Pflanzen sieht man viel grauen Boden.

Oma setzt sich auf ihren Stuhl und streicht über die Blätter der Petersilie.

„Jetzt ist es meiner“, sagt sie.

Einige Wochen später hängen die ersten roten Erdbeeren über dem Kasten. Die Blüten locken Bienen an. Ben hat sein Schild inzwischen verbessert, aber Oma hat das alte aufgehoben.

„Der Garten war grösser“, sagt sie, als Mira sie fragt, ob sie ihn vermisst.

Dann blickt sie über das Geländer auf die Dächer.

„Natürlich vermisse ich ihn. Aber ich muss nicht so tun, als wäre dieser Balkon ein Garten. Er darf etwas Neues sein.“

Mira versteht, was sie meint. Manchmal wird ein neuer Ort nicht dadurch gut, dass man den alten nachbaut. Sondern dadurch, dass man herausfindet, was hier möglich ist.